Rede von Paul Russmann am 11. September 2014 vor dem EUCOM in Stuttgart

Paul Russmann ist Geschäftsführer der ökumenischen Initiative „Ohne Rüstung Leben“. Er ist einer von drei Sprechern der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ und Mitglied im Vorstand des „Dachverband Kritische Aktionäre“.

 

Liebe Freundinnen und Freunde des Friedens,
ich beginne meine Rede mit Gedanken aus dem Internetblog des Astronauten Alexander Gerst, der aus dem Weltraum, vor einigen Wochen am 25. Juli 2014, folgende Worte schrieb:

„Als Astronauten haben wir aus 400 Kilometern Höhe
eine einzigartige Sicht auf unseren Planeten. Dinge, die wir auf der Erde jeden Tag in den Nachrichten sehen und so fast als gegeben ansehen, wirken aus unserer Perspektive ganz anders. Aus dem Weltraum kann man keine Grenzen erkennen. Wir sehen bloß einen einzigartigen Planeten mit einer dünnen, zerbrechlichen Atmosphäre, der in der weiten Dunkelheit des Alls schwebt. Von hier oben
wird einem klar, dass die Menschheit auf der Erde eins ist und wir dasselbe Schicksal teilen. (…) ….plötzlich (bemerkte ich) etwas, das ich vorher noch nie gesehen hatte: Lichtstreifen, die sich hin und zurück über die dunkle Erde bewegten, die außerdem manchmal von orangenen Feuerbällen erleuchtet wurde. Ich nahm meine Kamera und machte einige Fotos, bevor ich schließlich verstand, was ich eigentlich gesehen hatte und worüber wir gerade geflogen waren. Obwohl das Foto selbst keine Explosionen zeigt, konnte ich sie doch mehrmals
beobachten.
Als ich die Fotos machte, stellte ich mir die Frage: Sollte uns jemals eine fremde Spezies von irgendwoher aus dem Universum besuchen – wie würden wir ihnen erklären, wenn es das wäre, was sie als erstes von unserem Planeten sehen würden? Wie würden wir ihnen erklären, wie wir Menschen miteinander und mit unserem Planeten umgehen, der einzigen Heimat, die wir haben?“

Erde

100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkrieges und 75 Jahre nach Beginn des zweiten Weltkrieges ist auf unserem Planeten auch mitten in Europa Krieg ein Mittel der politischen Auseinandersetzung. In der Ukraine spitzt sich der Bürgerkrieg immer weiter zu. Der Kampf der Großmächte um Einfluss und Macht wird dabei auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen. Menschen werden ausgegrenzt, Mauern gebaut, Feindbilder aufgebaut. Mindestens 2000 Menschen wurden getötet, viele sind
auf der Flucht. Der Krieg in der und um die Ukraine wird auch von Stuttgart aus geführt. Die Vorbereitung und das Oberkommando für das Kriegsmanöver „Rapid Trident“ im Nicht-Nato-Land Ukraine mit 1300 Soldaten aller Waffengattungen liegen hier oben bei der US-Kommandozentrale EUCOM in Stuttgart-Vaihingen. Auch die Bundeswehr schickt Soldaten. Ein solches Manöver ist unverantwortlich und trägt zur weiteren Eskalation in der Ukraine bei. Es muss sofort abgesagt werden.
Putinversteher – mit diesem Wort werden diejenigen
in einem herabsetzenden Sinne bezeichnet, die, wie wir es hier tun, die einseitigen Sichtweisen und Schuldzuweisungen sowie die Sanktions- und Kriegsrhetorik und militärischen Aktionen der NATO, der EU, der Bundesregierung kritisieren und sich auch in die Perspektive Russlands und der russischsprachigen Minderheit in der Ukraine hinein versetzen. Doch wer versucht Putin zu verstehen, akzeptiert ja deshalb noch lange nicht völkerrechtswidrige und gewalttätige Handlungsweisen der russischen Regierung oder der russischen Minderheit.
Verstehen heißt noch lange nicht, etwas zu akzeptieren. Aber wer wirklich Frieden will, muss den Frieden vorbereiten – er muss symbolisch in den Schuhen der Ängste und Interessen des anderen gehen und darf Putin nicht verteufeln. Putin wird ja geradezu zur Inkarnation des Bösen stilisiert – und diese Folie dient zur Rechtfertigung von Kriegsmanövern, Wirtschaftssanktionen und dem massiven, mit militärischen Mitteln gestützten geostrategischen Expansionskurs der Bundesregierung, der EU und NAT0.
Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus – und Krieg soll nach Gottes Willen nicht mehr sein, so lauteten die Bekenntnisse nach dem zweiten Weltkrieg. Mit Blick auf diese schrecklichen Erfahrungen bestünde Deutschlands Verantwortung in der Welt zuallererst darin, daran zu erinnern wohin Militarisierung, Rüstung und Rüstungsexport führen. Ursachen von Konflikten auf den Grund zu gehen und Instrumente und Institutionen der nichtmilitärischen Konfliktbewältigung zu stärken.
Doch statt sich für die Absage des Manövers in der Ukraine, den Abzug der hier vom EUCOM befehligten Atomwaffen in Büchel und für die Schließung der Kriegskommandozentralen EUCOM und AFRICOM hier in Stuttgart einzusetzen, erklärt die Bundesregierung – allen voran der bundespräsidiale Expastor Gauck – Krieg zum Normalfall. Wir halten es wie der Ex-Bundespräsident Gustav Heinemann und sagen „Frieden ist der Ernstfall“ und bleiben dabei: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ Militärische Drohgebärden und ein neues konventionelles und atomares Wettrüsten auf dem Europäischen Kontinent lehnt Ohne Rüstung Leben ab.
Um es mit dem Herausgeber des Handelsblattes zu sagen: „Es gibt im Verhältnis Europas zu Russland in der Wand eine große Tür. Und der Schlüssel zu dieser Tür heißt Interessenausgleich“. Russland gehört integriert und nicht isoliert. Kleine Schritte dorthin sind besser als der große Unsinn einer Politik der Aussperrung.
Äußerst besorgt über die aktuellen Entwicklungen in der Ukraine fordern wir die Botschafter Russlands und der Ukraine, sowie den ständigen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der NATO mit einer Mailaktion auf der Homepage von Ohne Rüstung Leben auf, alle Anstrengungen auf eine friedliche, diplomatische Lösung des Konflikts in der Ostukraine zu konzentrieren.
Ich bitte euch auch, Unterschriftenlisten mitzunehmen, mit denen wir bis zum Kirchentag im Juni 2015 Unterschriften für die Schließung der beiden Kriegskommandozentralen EUCOM und AFRICOM sammeln.
Ich möchte schließen mit der biblischen Verheißung
„Und sie werden ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht mehr wird ein Volk gegen das andere das Schwert erheben, und nicht mehr werden sie das Kriegshandwerk lernen – Ein jeder wird unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaume sitzen, ohne dass sie jemand aufschreckt!“ Setzen wir uns mit ganzer Kraft ein für diese Vision für ein Leben in Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit!

http://ohne-ruestung-leben.de

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Eine Antwort auf Rede von Paul Russmann am 11. September 2014 vor dem EUCOM in Stuttgart

  1. Udo Hammelsbeck sagt:

    Ich unterstütze vollkommen die Rede von Herrn Rußmann. Frieden den Völkern
    Europas.Stoppt die Rüstungsmafia sowie die Finanzspekulanten in aller Welt, aber
    die vor allem in den USA und die mit ihr verbündet sind.

    Udo Hammelsbeck
    Mitglied der Ökologischen Plattform, Partei „Die Linken“, Greenpeace Rußland

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